Kritische Sexualforschung begreift Sexualität als Gegenstand einer komplexen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Nach wie vor erweist sich Sexuelles als Stein des Anstoßes, an dem sich Auseinandersetzungen um das gute und ›richtige‹ Leben entzünden. Entgegen solcher Politisierung wird Sexualität in alltäglichen Praxen oft fast unsichtbar gelebt. Beides betrifft die ganze Lebensspanne von der Geburt bis zum Tod, Themen von Leben und Krankheit, Lust und Leiden, Differenzerfahrungen, diskriminierende Praktiken und Gewalt – und seit einiger Zeit wird Sexuelles besonders eng im Zusammenhang mit Identität(en) verhandelt. Welches Verhältnis lässt sich nun zwischen ›dem Sexuellen‹ und ›der Gesellschaft‹ beobachten? Welche Konstellationen lassen sich anhand unterschiedlicher Sujets des Sexuellen bestimmen?
Die Diskussion solcher Fragen hatte im Institut für Sexualwissenschaft an der Frankfurter Universitätsklinik für gut drei Jahrzehnte einen institutionellen Ort. Dann entschloss sich die Leitung der Universität gegen massive öffentliche Proteste und entschiedene Interventionen relevanter Fachgesellschaften zur Abwicklung des international angesehenen Instituts. Aber das mit den Namen Sophinette Becker, Martin Dannecker, Herbert Gschwind, Reimut Reiche und Volkmar Sigusch verbundene Projekt einer Sexualforschung im Spannungsfeld von Humanmedizin, Psychoanalyse und kritischer Gesellschaftstheorie wirkte als inhaltliche Fragestellung und Herausforderung fort. Dieser Band leistet einen Beitrag dazu, die Flaschenpost zu entkorken. Er führt die Debatten um das Sexuelle – nun am Frankfurter Institut für Sozialforschung – im Lichte der Gegenwart fort, kritisiert und revidiert sie.
Beiträger*innen: Peer Briken, Martin Dannecker, Sabine Flick, Hans Goerdten, Louka Maju Goetzke, Julia König, Richard Kühl, Miriam Pietras und Katinka Schweizer.
Sabine Flick promovierte 2012 an der Goethe-Universität Frankfurt, nachdem sie dort Soziologie, Politikwissenschaft und Psychoanalyse studiert hatte. Sie lehrte und forschte an verschiedenen Instituten, unter anderem an der University of California, Berkeley, der Tel Aviv University und der Universität Graz. Von 2021 bis 2023 war sie Professorin für Geschlecht und Sexualität an der Hochschule Fulda. Heute ist sie Professorin für Allgemeine Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, wo sie die Forschungsstelle Sexualität gegründet hat. Sie ist zudem Mitglied bei medico international e. V. und am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main, wo sie eine der Sprecherinnen des Arbeitskreises Gender, Kinship, Sexuality ist.
[https://orcid.org/0000-0001-8897-2645]
Hans Goerdten ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG‐Graduiertenkolleg »Doing Transitions« an der Goethe-Universität Frankfurt. Er studierte Soziologie und Philosophie in Potsdam, Berlin und Frankfurt am Main und promoviert zur Rolle sexueller Gewalt in den Biografien schwuler und bisexueller Männer. Zu seinen Forschungsinteressen gehören die Soziologien von Geschlecht, Sexualität und Gewalt sowie rekonstruktive Methoden der Sozialforschung.
[https://orcid.org/0009-0004-1643-4388]
Julia König studierte Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie in Frankfurt am Main. Nach ihrer Promotion 2014 an der Goethe-Universität Frankfurt lehrte und forschte sie an verschiedenen Instituten und in unterschiedlichen Disziplinen – Erziehungs-, Kultur-, Geschichts- und Politikwissenschaften – unter anderem in Berlin, Kassel, Wien und in New York. Sie war von 2018 bis 2024 Juniorprofessorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Gutenberg-Universität Mainz. Inzwischen ist sie Professorin für Kindheitsforschung an der Bergischen Universität Wuppertal und arbeitet an einer kritischen Theorie der Kindheit.
Miriam Pietras studierte Soziologie, Gender Studies und Angewandte Sexualwissenschaft und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Fulda. Sie promoviert zu Subjektivierung und normativen Wissensbeständen im Kontext schulischer sexueller Bildung und arbeitet als Systemische Sexualtherapeutin in eigener Praxis. Sie ist Mitglied des Arbeitskreises »Gender, Kinship, Sexuality« am Institut für Sozialforschung.
Stella Schäfer studierte Humangeografie, Soziologie und Gender Studies in Erlangen, Minneapolis, Mexiko-Stadt und Frankfurt am Main. Bis 2021 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Frankfurt UAS. Sie ist Promovendin am Institut für Soziologie und assoziiert im DFG-Graduiertenkolleg Doing Transitions an der Goethe-Universität. In ihrer Promotion untersucht sie Transitionen häuslicher Gewalt. Sie ist Mitglied des Arbeitskreises »Gender, Kinship, Sexuality« am Institut für Sozialforschung.
Beiträger*innen:
Peer Briken [orcid] studierte Medizin in Hamburg. Seit 2010 ist er Professor für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie und Direktor des gleichnamigen Instituts am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sowie Mitglied des Direktoriums des dortigen Instituts für Psychotherapie. Von 2010 bis 2016 war er Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung und von 2016 bis 2022 Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Er ist Mitherausgeber der »Zeitschrift für Sexualforschung«. Peer Briken war Berater der WHO im Hinblick auf die Klassifizierung sexueller Störungen in der ICD-11.
Martin Dannecker [orcid], Jahrgang 1942, Prof. Dr. phil., ist nach der Promotion 1977 in das Institut für Sexualwissenschaft eingetreten und hat dort bis 2005 gearbeitet. Er wurde 1991 für das Fach Sexualwissenschaft habilitiert. Von ihm liegen zahlreiche Aufsätze und einige Bücher vor.
Louka Maju Goetzke [orcid] studierte Kulturwissenschaften, Soziologie und Politikwissenschaft in Lüneburg, London, Paris und Frankfurt an der Oder, um anschließend in Soziologie zu promovieren. Bis März 2026 war Louka Maju Goetzke wissenschaftliche_r Mitarbeiter_in am Arbeitsbereich Biotechnologie, Natur und Gesellschaft der Goethe-Universität Frankfurt und koordiniert aktuell den Potenzialbereich »Transition und Transgression: Fluide Geschlechterbewegungen« der Universität Koblenz. Louka Maju Goetzke ist Mitglied des Arbeitskreises Gender, Kinship, Sexuality am Institut für Sozialforschung.
Richard Kühl ist Medizin- und Zeithistoriker. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Düsseldorf und ist Lehrbeauftragter am Seminar für Zeitgeschichte der Universität Tübingen. Zuletzt erschien von ihm, zusammen mit Johannes Fuß herausgegeben, der Band »Sexualwissenschaft am Ende des sexuellen Zeitalters« (2025).
Katinka Schweizer [orcid] ist Sexualwissenschaftlerin und Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der MSH Medical School Hamburg. Sie hat in Tübingen, Landau, Oxford und Hamburg Diplom-Psychologie und Sozialpsychologie (MSc) mit Nebenfach Theologie studiert. Promoviert und habilitiert wurde sie mit psychologischen Arbeiten zur Intergeschlechtlichkeit an der Universität Hamburg. Als Psychologische Psychotherapeutin ist sie in eigener Praxis sowie in Supervision, Aus- und Weiterbildung für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (DGPT) tätig. Von 2019 bis 2025 war sie Erste Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS). Seit 2019 ist sie Mitherausgeberin der »Beiträge zur Sexualforschung« im Psychosozial-Verlag. Ihr Interesse gilt unter anderem der interdisziplinären Verständigung, psychoanalytischer Forschung und Lehre sowie der Begegnung zwischen Wissenschaft und Kunst.