Siegfried Kracauers Filmtheorie ist mehr als eine Theorie des Films. Indem er den Film als wesentliches Reflexionsmedium der Wirklichkeit begreift, entwickelt Kracauer eine zugleich gesellschaftstheoretische, ästhetische und kulturtheoretische Perspektive auf die sozialen und politischen Fragen seiner Zeit. Im Film vermitteln sich für ihn sowohl ideologische Tagträume als auch emanzipatorische Prozesse gesellschaftlicher Selbstaufklärung. Heute »mit Kracauer« ins Kino zu gehen, bedeutet demnach, die ästhetische Erfahrung des Films nicht nur als massenkulturelle Zerstreuung, sondern auch als Hervorbringung eines kritischen Sinns zu begreifen: eines Sinns für die materielle Wirklichkeit und die in ihr schlummernden Befreiungspotenziale. Die Beiträge des Bandes knüpfen in diesem Sinne an Kracauers film- und gesellschaftskritisches Denken an.
Siegfried Kracauer’s film theory is more than a theory of film. By understanding film as essentially a medium of the reflection of reality, Kracauer develops a perspective on the social and political issues of his time that is at once social-theoretical, aesthetic, and cultural. For him, film conveys both the ideological daydreams and emancipatory processes of social self-enlightenment. Going to the movies today »with Kracauer« thus means understanding the aesthetic experience of film not only as a mass cultural diversion, but also as the production of a critical sense: a sense for material reality and the potentials for liberation that lie dormant within it. Each of the contributions to this volume tests and explores this sense of Kracauer’s critical thinking on film and society.
Mit Beiträgen von / Contributions by: Steffen Andrae, Lena Appel, Daniel Fairfax, Anne Gräfe, Louis Hartnoll, Leonie Hunter, Juliana Müller, Nora Neuhaus, Anneliese Ostertag, Claudia Young-joo Park, Almut Poppinga, Heide Schlüpmann, Jochen Schuff, Sebastian Staab, Felix Trautmann, Franziska Wildt
Herausgegeben vom Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main. Gegründet und eröffnet in den Jahren 1923/24, steht das IfS seither für eine kritische Theorie der Gesellschaft, die den herrschenden sozialen Verhältnissen den Spiegel ihrer uneingelösten Möglichkeiten vorhält. Es begreift sich als ein Ort kooperativer, öffentlicher und intervenierender Gesellschaftswissenschaft. www.ifs-frankfurt.de
Herausgeber*innen:
Leonie Hunter [orcid] hat politische Philosophie und Theorie in Zürich, New York und Frankfurt am Main studiert und arbeitet gegenwärtig als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Philosophie der Justus-Liebig-Universität Gießen. 2021 hat sie die Dissertation Das Drama im Politischen eingereicht, eine politische Lektüre der Hegelschen Poetik, die sie am Institut für Sozialforschung und an der École Normale Supérieure in Paris verfasst hat. Sie ist als Botschafterin für die Society for Women* in Philosophy tätig und leitet seit 2018 gemeinsam mit Felix Trautmann den Arbeitskreis »Ästhetik und Medienkultur« am Institut für Sozialforschung.
Felix Trautmann ist seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung. In den Jahren 2019-2021 war er zudem Gast- und Vertretungsprofessor an der HfG Offenbach und der Kunstakademie Düsseldorf. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der politischen Philosophie, Ästhetik und Gesellschaftstheorie. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählen: (hg. mit dem Künstlerduo Democracia) »We protect you from yourselves«. The Politics of Policing (Madrid 2018) und Das Imaginäre der Demokratie. Politische Befreiung und das Rätsel der freiwilligen Knechtschaft (Konstanz 2020).
Beiträger*innen:
Steffen Andrae [orcid] studierte nach abgeschlossener Ausbildung zum Staatlich Anerkannten Erzieher Philosophie, Soziologie sowie politische Theorie in Darmstadt, Frankfurt am Main und New York. Seit 2019 ist er Doktorand am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt, 2022 absolviert er einen einjährigen Gastaufenthalt an der Columbia University. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dem Verhältnis von Realismus und Erfahrung bei Siegfried Kracauer und Alexander Kluge.
Lena Appel [orcid] works as a choreographer, performer and writer moving between theatre and visual arts. Her recent works include Rear Windows (German Filminstitute & Filmmusueum, 2022) with Anneliese Ostertag and Amina Szescödy, ersatz with Gabriele Cattani (Städelschule, 2021), and Future Technology with Luis Garay (studio naxos). Appel holds a master’s degree in Urban Ecology from the Technical University of Berlin and is currently studying in the master’s program in Applied Theatre Studies at the Justus-Liebig University of Giessen. For the past three years, she has been working with the choreographer and dancer Trajal Harrell and his European studio »Causecélèbre«.
Daniel Fairfax ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt und Redakteur der australischen Filmzeitschrift Senses of Cinema. Sein Buch The Red Years of Cahiers du Cinéma (1968-1973) ist kürzlich bei Amsterdam University Press erschienen.
Anne Gräfe hat im Februar 2022 ihre Doktorarbeit, betreut von Juliane Rebentisch und Andreas Reckwitz, zur politischen Kraft der ästhetischen Langeweile in der Gegenwartskunst eingereicht. Derzeit arbeitet sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Bildenden Künste München am Lehrstuhl für Philosophie und Ästhetische Theorie bei Maria Muhle und zuvor an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main bei Juliane Rebentisch. Sie studierte in Frankfurt (Oder) und Berkeley Kulturwissenschaften, Philosophie und Ästhetik.
Louis Hartnoll [orcid] promoviert in Philosophie am Centre for Research in Modern European Philosophy (CRMEP) der Kingston University London und lehrt seit Anfang 2016 als Associate Lecturer an der Central Saint Martins, University of the Arts London. Er studierte Ästhetik, Kunsttheorie, Philosophie und Visual Cultures an der University of the Arts London, der Goldsmiths University, der Humboldt-Universität zu Berlin und am CRMEP der Kingston University London. Von 2021 bis 2022 war er Gastwissenschaftler am Institut für Sozialforschung an der Goethe-Universität Frankfurt und von 2016 bis 2020 Redakteur beim Afterall Research Centre, London. Seine Doktorarbeit So Much the Worse for the Fact beschäftigt sich mit dem Begriff fait social und dem sozialen Charakter der Kunst in Theodor W. Adornos ästhetischer Theorie.
Juliana Müller forscht zu Körperlichkeit und Authentizität in autobiografischen Darstellungsweisen, intermedialen Verfahren sowie zu Schnittstellen zwischen Kunst und Politik. Nach Studienabschlüssen in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft und Ästhetik lehrt sie seit 2021 französische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Siegen.
Nora Neuhaus [orcid] studierte Kulturwissenschaften in Hildesheim und Rom sowie Bühnenbild und Kostüm in Stuttgart. Sie hat wissenschaftlich u. a. am Städel Museum Frankfurt und für die Ausstellung »Confessions of the Imperfect« der internationalen Museumskooperation »L’Internationale« gearbeitet, als Bühnen- und Kostümbildnerin u.a. am Schauspiel Hannover und am Mousonturm Frankfurt. Derzeit schließt sie ein Masterstudium der Curatorial Studies in Frankfurt am Main mit einer Arbeit über minimalistische Skulptur und politische Performance in den 1960/70er Jahren ab und arbeitet u.a. für das Marburger DFG-Projekt »Transdisziplinäre Netzwerke des Medienwissens«.
Anneliese Ostertag [orcid] works in-between visual arts, curatorial practice and critical anthropology. She is co-editor of en plein air: Ethnographies of the Digital (2019 Leipzig) and Akribie und Obsession (2022 Leipzig). Her essays have been published in The Curatorial Studies Journal (2022), kunstlicht (2021), and Positionen: Texte zur Aktuellen Musik (2022). She worked with the association super filme on documentary and experimental moving image and founded Zentrum für Netzkunst 2019, with which she runs / rosa, a media art space in Berlin. Her recent works include Rear Windows (German Filminstitute & Filmmusueum, 2022) with Lena Appel and Amina Szescödy, haptic affinities (FFT Düsseldorf, 2021) with Belle Santos, Sofie Luckhardt and Rahel Spöhrer, and Lebenszyklen als Lebenswerk (Historisches Museum Frankfurt, 2021).
Claudia Young-joo Park studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik in Princeton und Frankfurt am Main. Seit 2022 promoviert sie am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main. Zu ihren Forschungsinteressen gehören Literaturtheorie, philosophische Ästhetik und kritische Theorie.
Almut Poppinga [orcid] studierte in Lüneburg, Rennes, São Paulo und Frankfurt am Main Kulturwissenschaften, Kunstgeschichte und Soziologie. Sie ist Mitglied der wissenschaftlichen Geschäftsführung am Institut für Sozialforschung.
Jochen Schuff [orcid] ist Postdoc in der Arbeitsgruppe »Reorganizing Ourselves« von Einstein Fellow Alva Noë und im DFG-Graduiertenkolleg »Normativität, Kritik, Wandel« an der Freien Universität Berlin. Er war davor wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie und am Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen« der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seine aktuelle Forschung beschäftigt sich mit der Ästhetik der Gegenwartskünste und ihrer Kritik sowie mit dem Kontext von Identität, Autobiografie und Theorie. Veröffentlichungen u.a. Ästhetisches Verstehen. Zugänge zur Kunst nach Wittgenstein und Cavell (Paderborn 2019).
Heide Schlüpmann studierte Philosophie in den 1960er Jahren in Frankfurt am Main und ist passionierte Kinogängerin seit 1970 mit einem Schwerpunkt auf dem Frühen Kino. 1991–2008 war sie Professorin für Filmwissenschaft an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Von 1983 bis Ende der 90er war sie Mitherausgeberin der Zeitschrift Frauen und Film, dann Mitbegründerin und Mitarbeiterin der Kinothek Asta Nielsen e. V. Sie hat Bücher zu Nietzsche, Frühem Kino und Kinotheorie veröffentlicht, zuletzt erschienen ist Raumgeben – der Film dem Kino (Berlin 2020).
Sebastian Staab hat Philosophie und Kunstgeschichte in Frankfurt am Main studiert. Er promoviert dort im Bereich der praktischen und der politischen Philosophie. Zu seinen Forschungsinteressen gehören kritische Theorie, Sozialphilosophie und Ästhetik.
Franziska Wildt studierte Philosophie, Psychologie und Freie Kunst in Berlin und Frankfurt am Main. Seit 2020 ist sie als Doktorandin am Institut für Sozialforschung tätig und promoviert mit einer Arbeit zur Ästhetik des Widerstands, die sich mit dem Verhältnis von Kunst, Philosophie und Politik befasst. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und als Lehrbeauftragte an weiteren Universitäten und Kunsthochschulen tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Kritischen Theorie und Ästhetik. Ihre Forschungsinteressen umfassen außerdem Fragen der politischen Philosophie, der Sozialphilosophie und -psychologie, der feministische Philosophie und der Critical Philosophy of Race.